Die ersten Höhenmeter vom Lago d’Iseo bis zum eigentlichen Startpunkt unserer Wanderung legten wir heute ganz entspannt mit dem Auto zurück – zumindest theoretisch entspannt. Denn gleich zu Beginn wartete bereits die erste kleine Mutprobe des Tages.
Die ohnehin schon schmalen Straßen wurden plötzlich noch schmaler. Ein Schild kündigte knapp zwei Meter Durchfahrtsbreite an und spätestens dort wurde uns bewusst, dass unser Wagen links und rechts nur noch sehr wenig Luft hatte. 😅
Mit jeder weiteren Serpentine arbeitete sich Christiane konzentriert die engen Kehren hinauf. Begleitet wurde die Auffahrt von einem stetigen Wechsel aus kaltem Schweiß, kleinen Stoßgebeten, dass in den Haarnadelkurven bitte niemand entgegenkommt, und der Hoffnung, dass Roller- und Motorradfahrer zumindest früh genug hupen würden. Die Vorstellung, mitten in einer der engen Kehren plötzlich Gegenverkehr zu haben, sorgte doch für leicht erhöhten Puls.
Umso erleichterter waren wir schließlich, als wir den kleinen Parkplatz am Start unserer Wanderung erreichten und das Abenteuer fortan zu Fuß weiterging.
Schon kurz nach dem Loslaufen hallte lautes Glockengebimmel durch die schmale Straße und wenig später tauchte hinter uns ein kleiner Viehtrieb auf. Wir liefen bereits ein gutes Stück vor der Herde und konnten aus der Distanz beobachten, wie sich Kühe, Hirten, Autos und Motorradfahrer langsam ihren Weg durch die enge Straße teilten. Niemand schien es besonders eilig zu haben. Selbst die Motorradfahrer warteten geduldig, bis die komplette Herde schließlich gemütlich auf eine andere Weide abbog. Erst danach kehrte wieder so etwas wie normaler Verkehr ein.
Damit begann auch für uns der erste längere Anstieg des Tages. Die ersten vier Kilometer führten stetig bergauf – vorbei an Wiesen, kleinen Höfen und schattigen Waldstücken, während der Lago d’Iseo hinter uns langsam immer kleiner wurde.
Mit jedem Höhenmeter öffnete sich der Blick weiter über den Lago d’Iseo und Monte Isola. Die Mittagshitze lag inzwischen wie ein flimmernder Schleier über dem Wasser und tauchte die Landschaft in dieses typisch sommerliche, leicht dunstige Italien-Gefühl. Selbst aus der Ferne wirkte Monte Isola beinahe friedlich und entschleunigt.
Der höchste Punkt unserer heutigen Runde lag schließlich auf rund 1000 Metern Höhe. Von dort reichte der Blick weit über den See, die umliegenden Bergrücken und die kleinen Orte entlang des Ufers. Nach dem stetigen Anstieg tat die kurze Pause dort oben besonders gut, bevor es später wieder talwärts ging.
Die kleinen Szenen am Wegesrand machten den Tag besonders. An einer Klett-Kratzdistel spielte sich plötzlich eine kleine Parallelwelt ab. Während eine Raupe sich mutig an einem feinen Faden von der Blüte abseilte, hing direkt darunter eine Erdhummel schwer brummend an den Blüten und sammelte unbeeindruckt ihren Nektar. Als stiller Beobachter saß daneben noch ein leuchtend orangefarbener Käfer und schien das ganze Schauspiel aufmerksam zu verfolgen. Irgendwie hatte die Szene etwas von den „Bergrettern“ der Tierwelt – dramatische Abseilaktion inklusive. 😅
Unterwegs kamen wir an einer kleinen Kirche vorbei, daneben ein alter Alpini-Soldat aus Holz unter einem hohen Fahnenmast. Verwittert, sonnengebleicht und irgendwie herrlich skurril – diese kleinen Details machen solche Wanderungen oft spannender als jede große Sehenswürdigkeit. Rund um die Kirche herrschte entspanntes Treiben: Wanderer, Radfahrer und Familien suchten Schatten unter den Bäumen und machten Pause auf den alten Holzbänken.
Unterwegs stießen wir außerdem auf etwas, das uns nachdenklich zurückließ. An mehreren der höchsten Punkte entlang des Bergrückens entdeckten wir Vogelfangstationen – es waren nicht nur vereinzelte Hinweise, sondern ganze Anlagen mit Hütten, Lockkäfigen, Stangenkonstruktionen für Netze und hohen Fangtürmen.
Gelesen oder Dokumentationen darüber gesehen hatten wir zwar schon einmal, solche Konstruktionen jedoch tatsächlich in der Realität zu sehen, war nochmals etwas völlig anderes. Zwischen den Bäumen spannten sich normalerweise beinahe unsichtbare Netze, daneben kleine Käfige für Lockvögel und einfache Holzhütten, von denen aus offenbar die Fallen überwacht wurden. Teilweise wirkten die Anlagen alt und verwittert, andere dagegen schienen noch immer gepflegt oder zumindest genutzt zu werden.
Gerade die Lage machte deutlich, warum diese Plätze gewählt wurden: hoch oben an den Bergrücken, genau dort, wo Zugvögel die Thermik nutzen und über die Kämme ziehen. Eigentlich wunderschöne Aussichtspunkte – gleichzeitig aber Orte, an denen Singvögel gezielt abgefangen werden.
Irgendwie wirkte das alles ziemlich perfide. Diese kleinen Tiere auf ihrem oft tausende Kilometer langen Zug ausgerechnet an solchen Engstellen abzufangen – sei es als Delikatesse oder für den Verkauf als Haustier – hinterließ bei uns eher ein bedrückendes Gefühl. Schade, dass es so etwas heutzutage überhaupt noch gibt.
Im Abstiegsbereich begegnete uns ein Amphibisches Highlight: eine leuchtend grüne Smaragdeidechse. Zuerst sahen wir sie vor uns auf dem Weg, dann verschwand sie blitzschnell im dichten Unterholz. Ihre Tarnung war jedoch nicht perfekt, denn im gefilterten Sonnenlicht des Waldes wirkte ihre Farbe fast unrealistisch intensiv. Unterwegs begegneten uns außerdem immer wieder kleine Mauereidechsen, die blitzschnell über alte Steinmauern huschten oder neugierig aus Felsspalten spähten.
Abseits der Wege führte uns die Route immer wieder durch ruhige Waldstücke mit alten Häusern, Wiesen und kleinen Höfen. Am Wegesrand leuchteten wilde Walderdbeeren zwischen Gras und Kräutern hervor, während irgendwo in der Ferne Kuhglocken zu hören waren.
Auch fotografisch war der Tag wieder ein kleines Paradies. Käfer, Blüten, Eidechsen und Landschaften wechselten sich beinahe im Minutentakt ab. Genau diese Mischung aus Natur, alten Gemäuern und mediterraner Ruhe macht die Gegend rund um den Lago d’Iseo gerade so besonders.
Durchgeschwitzt und mit der Hitze des Tages noch immer in den Knochen kehrten wir schließlich zurück zu unserem Campingplatz direkt am Seeufer. Viel Überlegung brauchte es nicht – Wanderschuhe aus, ab zum Wasser und kurzerhand hinein in den Lago d’Iseo.
Was für eine Erfrischung. Nach den vielen Höhenmetern fühlte sich das kühle Wasser beinahe wie eine kleine Belohnung an. Wobei „kühl“ natürlich relativ ist: Solange man in Bewegung blieb, war es absolut angenehm. Sobald man allerdings stillstand, erinnerte der See mich als bekennenden Warmduscher doch recht schnell daran, dass das hier kein beheizter Wellnesspool ist. 😅
🌡️ 28 °C

















































