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Tag 9 – Überfahrt nach Porquerolles

und Wanderung über die Westinsel

18. Mai 2026

Der neunte Tag begann ruhig. Hohe Wolkenfelder zogen über die Côte d’Azur, dazwischen brach immer wieder die Sonne durch und tauchte das Meer in tiefe Blau- und Türkistöne. Das Wetter war nahezu ideal für eine ausgedehnte Wanderung – angenehm mild, kaum Wind und vor allem noch weit entfernt vom sommerlichen Trubel der Hauptsaison.

Von Badine aus ging es morgens mit dem Bus zur La Tour Fondue. Bereits am Anleger merkte man, dass Mitte Mai noch eine angenehm entspannte Zeit für einen Besuch auf Porquerolles ist. Die Fähre war längst nicht voll, Wanderer und Tagesgäste verteilten sich locker an Deck, während das Schiff ruhig über das Mittelmeer glitt.

Hinter uns verschwand langsam das Festland, vor uns lag die Insel mit ihren Pinienwäldern, hellen Wegen und den zerklüfteten Küsten. Die Gischt zog sich wie eine weiße Spur hinter der Fähre her, während dunklere Wolkenformationen dem Himmel eine fast dramatische Tiefe verliehen.

Schon kurz nach dem Verlassen des kleinen Hafenortes änderte sich die Atmosphäre schlagartig. Gewaltige Pinien säumten die Wege, ihre vom Küstenwind geformten Äste spannten sich wie natürliche Gewölbe über uns. Manche Bäume wirkten fast surreal — knorrig, verdreht und miteinander verwachsen, als hätten Jahrzehnte aus Wind und Salz sie langsam modelliert.

Kurz darauf entdeckten wir Bewegung zwischen den Weinreben. Vorsichtig lief ein Rebhuhn mit seinen Jungen durch die Reihen der Weinstöcke und pickte zwischen der trockenen Erde nach Nahrung. Wir blieben sofort stehen und beobachteten die kleine Familie eine ganze Weile. Solche stillen Begegnungen machen Wanderungen oft unvergesslicher als jede Aussicht.

Die Wege führten uns weiter durch lichte Wälder, vorbei an Macchia, alten Mauern und den Überresten vergangener Zeiten. Immer wieder lagen kleine Scherben und Keramikreste auf dem Boden – Fragmente früherer Bewohner oder längst vergangener Gebäude. Selbst die Pfade wirkten hier wie ein Teil der Geschichte der Insel.

Besonders beeindruckend war schließlich das Fort du Grand Langoustier an der Westseite der Insel. Die alte Festungsanlage lag eingebettet zwischen dichter Vegetation und wirkte mit ihren verwitterten Mauern fast wie aus einer anderen Zeit gefallen. Während dunklere Wolken über das Meer zogen, entstand dort diese besondere Stimmung aus Einsamkeit, Geschichte und rauer Mittelmeerlandschaft.

Zwischendurch öffneten sich immer wieder kleine Buchten mit kristallklarem Wasser. An einer dieser ruhigen Stellen wollte ich schließlich unbedingt ins Mittelmeer. Mitte Mai lag die Wassertemperatur allerdings erst bei ungefähr 17 °C. Eigentlich mag ich kalte Temperaturen durchaus – zumindest an Land. Beim Wasser stellte sich schnell heraus, dass ich wohl doch eher Typ „Warmduscher“ bin. Bis zum Hintern schaffte ich es immerhin hinein, begleitet von einem sehr deutlichen „Brrrrr“, bevor mein Körper beschlossen hat, dass das für heute vollkommen genügt.

Die Westseite von Porquerolles fühlte sich insgesamt erstaunlich ursprünglich an. Keine Hektik, kaum Publikums-Verkehr, stattdessen das leise Rauschen der Pinien, der Duft der warmen Erde und dieses entschleunigte Gefühl, das sich irgendwann ganz automatisch einstellt, wenn man stundenlang über solche Inselpfade wandert.

Am späten Nachmittag erreichten wir schließlich wieder den kleinen Hafenort. Müde Beine, salzige Haut und eine gut gefüllte Speicherkarte später gönnten wir uns zum Abschluss noch jeweils einen frischen Crêpe. Für mich mit Sucre et citron, für Christiane klassisch mit Sucre.

Um 18 Uhr nahmen wir schließlich die Fähre zurück zum Festland. Mittlerweile hatte der Wind deutlich aufgefrischt und auf dem offenen Wasser wurde es überraschend kühl. Während die Fähre durch die Wellen schnitt, blickten wir zurück auf die langsam kleiner werdende Insel am Horizont.

Dabei mussten wir unweigerlich an unseren letzten Besuch vor zwei Jahren denken, damals Ende September mitten in der Hauptsaison. Die Insel zeigte sich diesmal in einem völlig anderen Gewand. Statt voller Wege, hektischer Fahrräder und dichter Besucherströme standen heute Ruhe, Entspannung und Gelassenheit im Mittelpunkt. Auch den Bewohnern der Insel war diese noch ruhige Vorsaison deutlich anzumerken – eine Gelassenheit, die vermutlich schon bald wieder den großen Touristenströmen des Sommers weichen wird.

Und dennoch bleibt Porquerolles für uns jedes Mal aufs Neue etwas Besonderes. Die Insel überrascht uns bei jedem Besuch anders. Mal wild und rau, mal ruhig und fast verträumt. Es gibt dort immer wieder neue Wege, kleine Details und stille Momente zu entdecken. Genau das macht sie für uns zu einem Ort, an den man immer wieder zurückkehren möchte

🌡️ 22 °C

📏 28.78 km